Re:publica Berlin: „Bitte, benützt den Begriff „Fake News“ nicht mehr!“

Kategorie: Medienwissenschaften | Kein Kommentar

Die dreitägige „Re:publica“ ist wahrscheinlich eine der wenigen Konferenzen, deren Ende man echt nachtrauert. Mehrtägige Fachtagungen, die x-te Powerpoint-Präsentation ermüden, nicht so die Re:publica. Inspirierende Referate, engagierte Podiumsgespräche und aktivierende Workshops zu neuen Internet-Technologien, Netzpolitik, Journalismus, praktische Anwendungsbeispiele, Diskussion aktueller Themen und viele soziale Treffpunkte auf dem Messegelände. – Das diesjährige Tagungsthema „Love out Loud“ spielt auf Hate Speeches an, den unsäglichen Trollen in Webforen und Kommentarspalten. Einer der Schwerpunkte war auch die epidemische Verbreitung von Falschmeldungen im Web und dem ebenso inflationär benutzten Begriff „Fake News“

Claire Wardle von First Draft News bittet Eingangs ihres Referats „BEYOND ‚FAKE NEWS‘: TACKLING THE DISINFORMATION ECOSYSTEM IN EUROPE„, den Begriff „Fake News“ doch bitte nicht mehr zu gebrauchen, er verweise auf Donald Trump, ihm gebühre aber keine Aufmerksamkeit und es ginge eh um viel mehr. Wirbelwind Wardle führt mit einem Potpourri an Beispielen in die Problematik im Umgang mit Falschmeldungen ein. Der unbedarfte Umgang der Internet-User mit Informationen in den sozialen Medien sei teils haarsträubend, so Wardle. Wenig versierten Benützern würde es beispielsweise schwer fallen, die Herkunft und damit die Relevanz von Nachrichten in Facebook einzuschätzen. Das Erscheinungsbild der Posts von Privatpersonen und Organisationen, Medienhäusern etc. würden sich im Facebook-Kleid auf mit flüchtigem Blick wenig unterscheiden. Schnell sei eine Nachricht weitergereicht, ohne den Wahrheitsgehalt abgeschätzt zu haben. Wir hätten „lazy brains“, so Wardle, was unser Hirn mehrmals gehört hätte, ob falsch oder nicht, würde sich einprägen, eine Korrektur des Falschen sei aufmerksamkeitsökonomisch viel schwieriger. Richtig beunruhigender sei jedoch der Umgang mit Messengerdiensten.

Messengerdienste, die hauptsächlichen Verbreiter von Falschmeldungen
Beängstigend, so Wardle, wie Messenger die Verbreitung von haarsträubenden Falschmeldungen begünstigen würden. Bis vor kurzem sei Propaganda von Organisationen gekommen, heute käme sie von Freunden und der Familie. Nebst den bekannten Messengern wie WhatsApp, Facebook Messenger etc. hätten viele Länder ihre länderspezifischen Messenger wie Line, Imo, Hike etc. und hier würde der Grossteil von Falschmeldungen verschickt. Deren Verbreitung sei beinahe nicht Einhalt zu gebieten. Als Mut machendes Beispiel nennt sie einen nicht näher genannten Dienst in Kolumbien: Dort könnten die Menschen eine erhaltene WhatsApp-Nachricht an eine Stelle senden, welche die Information verifizieren würde.

Hilfe im Umgang mit Falschmeldungen dank First Draw News
Die Organisation First Draft News, welche Claire Wardle leitet, wurde Mitte 2015 gegründet. Die Organisation gibt Journalisten, Studierenden der Medienwissenschaften und der interessierten Öffentlichkeit Hilfestellungen im Umgang und der Detektion von Falschmeldungen im Social Web. Das First Draft Partnernetzwerk ist – so die Website von First Draw – „… das erste Medium seiner Art, durch das die größten sozialen Plattformen mit globalen Nachrichtenredaktionen, Menschenrechtsorganisatonen und anderen weltweiten Projekten zur Fakten- und Qualitätskontrolle von Inhalten vereint werden.“
Typen von Falschinformation (First Draw News).

Typen von Falschinformationen. First Draw News.


Blitzkurs in der Detektion von gezinkten Meldungen
In einem weiteren Workshop ADVANCED SOCIAL MEDIA VERIFICATION: HOW TO AUTHENTICATE IMAGES & VIDEOS THAT EMERGE ONLINE führt Claire Wardle im Eiltempo in die wichtigsten Instrumente der Detektion von Falschmeldungen ein; praktische solche, die Nichtinformatikern zur Verfügung stehen. „Beware of Scrapes“ empfiehlt Wardle dem konzentriert zuhörenden Publikum im proppenvollen Workshopraum, Scapes, ein zweites Mal anderswo publizierte Mediensplitter, seien durchwegs an Falschmeldungen beteiligt und könnten meist in Kürze identifiziert werden. Es folgt eine Präsentation im gestreckten Galopp von Instrumenten zur Identifikation von Fotos, Videos und deren Urheber, beispielsweise eine Toolsammlung oder einem Dienst zur Analyse von Twitter-Accounts.

Re:publica – Auslegeordnung der Mediengesellschaft
Soweit ein punktueller Einblick zu Falschem und Wahrem in den Medien. Leider sind die zwei oben beschriebenen Sessions (bis heute) nicht online verfügbar. In der Liste der Filmaufnahmen der Referate auf Youtube findet man aber wohl ein halbes Dutzend weitere Sessions zum Thema, darunter Podiumsgespräche mit Journalisten der deutschen Staatssender: Survival of the fakest? ARD und andere Medien im Kampf gegen gezielte Falschinformation und Fakes, Leaks und Desinformation – Verlässlicher Journalismus im Nachrichtensturm. Eva-Maria Lemke, Claus Kleber und Ralf Panizcek vom ZDF berichten über Diffamierungen von Trollen in den Kommentarspalten und über verleumdende Mails, welche „die Mitarbeiter von Merkel-TV“ täglich erhalten. Einen Eindruck davon erhält man beim Durchlesen der bitterbösen Kommentare der Session auf YouTube.

Die Re:publica, ein Ort zum Diskutieren, Philosophieren und der Auseinandersetzung mit Themen, die man im Arbeitsalltag höchstens streift, beispielsweise dem Darknet (nebst den illegalen Geschäften auch ein Ort für Dissidenten und Journalisten) in der Session Darknet – Das Internet der Zukunft? oder zum Entrepreneurship wider Willen (Selbstausbeutung durch Uber etc.) im Referat Welcome to the Entreprecariat – Disrupting Precarization. Und immer wieder scharfsinnige wie unterhaltsame Podien, z.B. von Gunter Dueck zur im Netz platt gedrückten Dummheit in Flachsinn – Über gute und schlechte Aufmerksamkeit (auch ein unverhohlenes Selbst-Marketing für sein gleichnamiges neues Buch) oder das oft gescheite wie unterhaltsame Reden im Netz von Sascha Lobo. Re:publica, das bedeutet, einen Schritt zurücktreten, ein Blick in Aktualitäten aus (Medien-)Gesellschaft, Politik, Kultur,  Arbeit und Bildung, eine wohltuend breite Palette von Themen. Es bleibt die Frage, was diese Entwicklungen und Phänomene nun für die Bildung resp. die Schule bedeuten sollen…

Liste der Sessions auf Youtube der Re:publica 2017.
Download Mobile Apps (hervorragende Übersicht, Sessions auch Offline hören und sehen)
Die Re:publica in der Berliner Zeitung; auf FAZ News.


Eindrücke der Re:publica in Bildern

Solosurfen. Schnelles WLAN und Steckdosen inbegriffen.

Makerspace. Digital-analoges Basteln unter Anleitung.

Gruppenbesuch. Niemals allein.

Love Out Loud. Tagungsmotto.

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