Über ICT und Schulkultur

Kategorie: Pädagogische ICT-Beratung, Schulentwicklung | Kein Kommentar

Referat am Vernetzungstag für Kursleitende und ICT-Verantwortliche in Wil. «ICT-Integration in den Unterricht: Die Schulkultur verändern». Was habe ich mir da eingebrockt? «Schulkultur», «Schulentwicklung», «Schulprogramme» und mehr dergleichen, alles quasi Schimpfwörter für Lehrpersonen im Schuldienst. Und dann sollte es nach Wunsch der Tagungsleitung noch ganz konkret werden. Erstmals ein Disclaimer fürs Publikum: Ich würde auf einer «mittleren Flughöhe von sagen wir 6000 Metern» bleiben, d.h. eher die ICT-Organisation in der Schule fokussieren, mit einigen Beispielen aus aktuellen Beratungssituationen an Schulen.

Einstieg mit einer etwas launischen Umscheibung von «Schulkultur»: Es geht um Zusammenarbeit, Teamgeist und um Beziehungen unter den Lehrpersonen, den Schüler/innen und unter Lehrenden und Lernenden. «Schulkultur» ist beispielsweise sichtbar am Austausch im Teamzimmer, an  offenen Schulzimmertüren, auch an gemeinsamen Schulprojekten und manchmal an Vereinbarungen. Bezogen auf Medien/ICT können dies gemeinsame Schulhausprojekte sein, mit Einbezug von Computer und Medien. Oder Vereinbarungen zwischen den Lehrpersonen, wie sie mit Medien im Unterricht arbeiten wollen. Auch Vereinbarungen zwischen den Schülerinnen und Schülern können die Schulkultur verändern, beispielsweise, wenn die Lehrpersonen mit ihnen aushandeln, wie sie mit dem Computer, wie mit dem Handy im Schulzimmer umgehen wollen. Besser als Verbote.
Ja, der Computer *kann* den Unterricht verändern, muss aber nicht. «Der Computereinsatz macht Kinder weder zu Einzelgängern noch fördert er in besonderem Masse die Zusammenarbeit», schreibt Dominik Petko im Bericht zum Notebookprojekt USE-IT an den Oberstufenschulen der Stadt Solothurn (2004, S. 11). Ansonsten von mir keine Aussagen zur Funktion von ICT/Medien im Unterricht. Darüber wurde schon viel geschrieben, und es gibt übersichtliche Argumentationssammlungen, zum Beispiel im ICT-Entwicklungskonzept (PDF, ab Seite 5) des Kantons Solothurn oder in Beats Biblionetz uam.

Vorgestellt habe ich dann drei konkrete Veränderungssprozesse in Schulen, Beispiele aus meiner Beratungstätigkeit, alles Beratungsverhältnisse von gegen zwei Jahren: Die Einführung einer pädagogischen ICT-Beratung, die gemeinsame Erarbeitung eines «internen ICT-Lehrplans» für jede Schulstufe und die Entwicklung eines umfassenden pädagogischen Medienkonzepts für ein Schulhaus. Gemeinsamer Grundtenor: Die Entwicklung und Einführung dauert in der Regel mehrere Jahre, denn das Schulteam braucht Zeit, um sich mit der anstehenden Veränderung auseinandersetzen zu können. Die Lehrerinnen und Lehrer wollen konkrete Beispiele von anderen Schulen sehen. Sie müssen die Bedeutung von ICT/Medien für den Unterricht und vor allem ihre Bedeutung für das Leben er Mediengesellschaft erfassen können. Denn grundsätzlich ist den Lehrpersonen die Bedeutung von Medien zwar bewusst, praktisch wissen sie damit aber oft nicht viel mehr anzufangen, als den Computer als bessere Schreibmaschine und zur Recherche einzusetzen. Dies haben alle unsere bisher in Schulen durchgeführten ICT-Evaluationen eindrücklich gezeigt. Und die Erkenntnis ist nicht neu.

Das Beratungsbeispiel von der Schule, welche ein pädagogischen Medienkonzept entwickelt, lässt sich gut mit Hilfe der «U-Prozedur» (Glasl 2004) erklären: Glasl beschreibt mit diesem theoretischen Modell den Weg, welchen ein Projekt gezwungenermassen gehen muss, um eine möglichst dauerhafte Veränderung der Schulkultur zu bewirken. Ein solcher Entwicklungsprozess dauert mehrere Jahre und beginnt mit der Analyse der Gegenwart. Die Beteiligten setzen sich später mit gelungenen Beispielen auseinander und erhalten so das Verständnis (und die Motivation), um die Veränderung ihres Unterrichts anzugehen. Im folgenden Schritt planen die Beteiligten die dazu notwendigen Massnahmen wie Weiterbildung, gemeinsame Unterrichtsprojekte etc. Erst jetzt kann die dazu notwendige Infrastruktur geplant werden.
u-prozedur

Veränderungsprozesse dauern also «lange», und sie müssen aktiv gesteuert werden, dafür sind Schulleitungen und in Zusammenhang mit ICT/Medien die ICT-Verantwortlichen zuständig. Und immer wieder muss das Schulteam mit dem Thema konfrontiert werden, das Thema soll in Fluss gehalten werden. Das Schulteam soll von gelungenen Beispielen erfahren, soll den Mut erhalten, Neues  auszuprobieren. Ich möchte von den Teilnehmenden wissen, mit welchen Massnahmen sie in ihrer Schule das Thema ICT/Medien in Fluss halten. Die gut 50 Teilnehmenden zählen dies auf:

  • mit Weiterbildung in «homöopatischer» Dosis; kurz, knackig, gleich umsetzbar

  • mit Projektarbeit; gemeinsame Schulprojekte mit ICT

  • mit sorgfältiger Dokumentation der gemeinsamen ICT-Unterlagen

  • mit einer Lernplattform für die Schule

  • mit einem Schulplanungstool; die Lehrpersonen nutzen ICT zur Administration. Sie üben sich damit gleichzeitig  im Umgang damit ein.

  • mit offenen Schulzimmertüren; d.h. Einblick in den eigenen Unterricht geben

  • mit dem Signalisieren als ICT-Beratungsperson «ich habe Zeit für dich»

  • mit Kurzinputs an Teamsitzungen; in maximal 15 Minuten erklärt, das Material zur Umsetzung liegt gleich dabei.

  • mit «sanftem Druck»; wobei einige Kollegen zu Bedenken geben, dass Druck und Vorgaben aus ihrer Erfahrung auf die Dauer nicht greifen würden.

Die Rückmeldungen zeigen: Da sind engagierte ICT-Verantwortliche dabei, die Kultur in ihrem Schulhaus aktiv mitzugestalten. Sie sind kreativ und innovativ in ihren Ideen. Und sie haben einen langen Atem. Sie wissen: Schulkultur verändert sich eben langsam. In vielen Klein- und Kleinstschritten schleift sich neues Verhalten ein, aber ebenso schnell verfällt man wieder in den alten Trott. Das Vertraute ist eben näher, wenn das Neue nicht attraktiv und konkret genug ist.

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