Tagung «Apps & Games – Was eignet sich im Unterricht» an der PH Schwyz. Nachlese.

Kategorie: Mediendidaktik, Mobil | 3 Kommentare

Das IMS an der PH Schwyz lädt zur Tagung ein und gegen 200 Personen pilgern nach Goldau. So auch dieses Jahr zum Thema «Apps & Games – Was eignet sich im Unterricht?». Ein gelungener Einblick ins Thema «mobiles Lernen» aus praktischer und wissenschaftlicher Sicht wurde geboten. Die Keynote-Redner Mitgutsch und Feibel belohnten die Anwesenden mit süffig vorgetragenen Referaten, Uni-Professor Aufenanger gab einen fundierten Einstieg aus mediendidaktischer Sicht. – Im Verlauf der Tagung fragt man sich aber, ob der im Tagungstitel angekündigte Fokus auf Apps und Games nicht ungewollt das didaktische Mittel etwas gar stark ins Zentrum rückt.

Stefan Aufenanger (Universität Mainz) führt in seiner Keynote zum Thema «Learning by Touching – zur Rolle mobiler Medien in Schule und Unterricht» ins Thema ein. Nach interaktiven Whiteboards sei nun mobiles Lernen DER didaktische Hype, aber das jüngere Thema MOOCS würde bereits anstehen. «No child left untableted» zitiert Aufenanger die New York Times und stellt ein erstes Schulprojekt mit integraler Medienintegration vor.

Mobiles Lernen sei oft Treiber innovativer Schulformen, so Aufenanger und beschreibt weiter die holländischen «Steve Jobs-Schulen», in welchen die Schüler/innen in altersdurchmischten Gruppen arbeiten, teils auf einem «SchoolSpace» einer virtuellen Schule als Lernumgebung. Der traditionelle Unterricht sei total aufgebrochen, Lektionen, sogar Ferien im traditionellen Sinn gäbe es nicht mehr. Die Schule sei nur zwischen Weihnachten und Neujahr offiziell geschlossen. Die Frage laute: Wie können wir das Lernen verändern? – mit neuen Medien, respektive neuen Organisationsformen dank neuer Medien. Etwas unpassend zu dieser Aussage und v.a. zu lang fällt dann seine Aufzählung möglicher Apps am Schluss des Referats aus.

Christian Neff von der Projektschule Goldau beeindruckt in seinem Workshop mit einem Überblick über ihre drei innovativen Forschungsprojekte in Folge zum Einsatz von Mobilgeräten im Unterricht. Perfekt moderiert und anschaulich visualisiert gibt er Einblick in ihre Arbeit. Die Organisationsformen überzeugen, so steht der Lehrer für Fragen per SMS zur Verfügung. Damit diese jedoch von den Schülern nicht voreilig losgeschickt werden, ist die Klasse in «Selbsthilfegruppen» organisiert, welche sich zuerst gegenseitig mit SMS u.ä. coachen. Etwas stutzig wird der Zuhörer bei den vorgestellten Beispielen der Handy-Nutzung: Pöstler-Geografie mit App X, Kopfrechnen mit App Y, Wörterlernen mit App Z. – Heisst nicht der Titel des Workshops «Kamera, Voicerecorder, Stoppuhr, … – braucht ein Smartphone überhaupt noch zusätzliche Apps?» – Offenbar eben schon.

Zweifellos, oben genannte Unterrichtsinhalte sind auch wichtig, doch aus moderner didaktischer Sicht sind das wohl eher Nebenschauplätze. Kann das Mobilgerät und die App im besten Fall den Unterricht individualisieren? Wo bleiben problembasierte, kooperative und situierte Anwendungskontexte, wie sie Aufenanger in seiner Keynote fordert? (Oder sind das nur Desiderate von uns Schreibtisch-Tätern?) Könnte es sein, dass die Nutzung des Mobilgeräts gar traditionelle Unterrichtsinhalte zementiert? Oft beobachten wir, wie Lehrpersonen bei der Integration von digitalen Medien in den Unterricht erstmals bekannte Unterrichtsmethoden digital abbilden: Aus Kärtchen (vorne Deutsch, hinten Französisch) wird Flashcard und anstatt der Banknachbarin, die das Diktat diktiert das iPhone. – War’s das?

Und weiter gedacht: Könnte es gar sein, dass BYOD und 1:1-Computing zwar auf der organisatorischen Ebene ganz gute Resultate erzeugen, doch die Qualität des Unterrichts selbst verändert sich nicht zwingend? Es liegt auf der Hand, dass Geräte und Apps nur EINE Gelingensbedingung für gute Schule unter vielen sind. Bei diesen zu beginnen, birgt wohl die Gefahr, auch dort stehenzubleiben. Zentraler Gelingensfaktor sei die Lehrperson, meinte Dominik Petko eingangs der Tagung mit Verweis auf die Hattie-Studie. Und diese benötigen wohl Begleitung beim Einsatz von Mobilgeräten im Unterricht, was uns zur sorgfältigen Einführung und zur pädagogischen ICT-Beratung führt, einer weiteren Gelingensbedingung in dieser unvollständigen Aufzählung.

Simon Baumgartner und ich präsentierten in unserem Workshop die Ergebnisse aus Forschungsprojekten mit Studierenden (siehe Blogbeitrag vom 21.4.13). Die Primarstudentinnen und -studenten haben Einsatzszenarien mit dem iPad entwickelt, diese in Schulklassen durchgeführt und ausgewertet. Die Erhebung der bisherigen Nutzung des iPads im Unterricht ihrer «iPad-Klassen» zeigt, dass die Wissensvermittlung mit dem Mobilgerät eine grosse Rolle spielt. Die Nutzung als Instrument zur Wissenskonstruktion, d.h. als kreatives Mittel zur Gestaltung, zur Organisation des Wissens und zur Kooperation zwischen den Lernenden ist das Mobilgerät offenbar weit weniger verbreitet. Bei dieser Gelegenheit führen wir eine Kategorisierung von Apps ein, in Anlehnung an die gestaltungsorientierte Mediendidaktik nach Kerres:

Die Präsentation auf Slideshare hier:

Die Tagungsdokumentation mit Filmaufnahmen der Keynotes ist verfügbar.

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  • rahel sagt:

    Merci fuer sie Zusammenfassung!

  • Lieber Jürg, ich habe meine Gedanken zum Thema auch gebloggt: http://www.projektschule-goldau.ch/?p=2486

    • juergfraefel sagt:

      Lieber Christian
      Vielen Dank für deine Antwort als Blogbeitrag auf eurem Blog der Projektschule Goldau. Beeindruckend, die Fülle von kooperativen und kreativen Unterrichtsbeispielen mit dem Mobilgerät, die du gesammelt hast. Ich habe auch nichts anderes erwartet, diese Beispiele kamen wie erwähnt wohl zu kurz im Referat.

      Soeben habe ich einen Bericht einer amerikanischen Journalistin über die Zurich International School gelesen. die ZIS stellt seit diesem Schuljahr für jede Schülerin/ jeden Schüler ein persönliches iPad zur Verfügung. Jede/r Schüler/in führt einen eigenen Blog als «digitales Portfolio». Die Journalistin ist beeindruckt davon, wie die Lehrpersonen unbeeindruckt seien von Apps & Co., stattdessen würden sie die «Bordmittel» des iPads – Foto, Video, Audio – um so virtuoser einsetzen. Sie scheibt: «Instead of focusing on what was coming out of the iPad, they where focused on what was going into it.»
      Der vollständige Bericht auf slate.com.